Interview

Anwendungen und digitale Ökosysteme mit wenig Programmieraufwand entwickeln

Mit der Low-Code-Plattform Mendix können Anwendungen im industriellen Umfeld mit wenig Programmieraufwand entwickelt werden. Darüber hinaus bietet Mendix die Möglichkeit, operative, industrielle und Business-Systeme in einem einzigen digitalen Ökosystem zu verbinden. Raymond Kok, CEO von Mendix (ein Siemens-Unternehmen), erklärt, wie die digitale Transformation vorangetrieben werden kann.

Unter dem Motto „schnellere Entwicklung besserer Software“ verspricht Mendix eine einfachere und schnellere Integration und Interoperabilität komplexer Anwendungslandschaften. Was ist Mendix genau und wie funktioniert es?

Mendix ist eine führende Low-Code-Plattform zur Entwicklung von Anwendungen. Sie unterstützt interdisziplinäre Teams dabei, Software schneller zu erstellen und bestehende Systeme miteinander zu verbinden und stellt damit eine beschleunigte Integration und Interoperabilität komplexer Anwendungslandschaften sicher. Die Plattform bietet eine intuitive visuelle Entwicklungsumgebung mit Drag-and-Drop-Komponenten, sodass sowohl Fachanwender als auch professionelle Entwickler Web- und Mobilanwendungen mit minimalem Programmieraufwand erstellen, bereitstellen und warten können.

Mendix unterstützt Rapid Prototyping und Multi-Experience-Entwicklung und deckt Web-, Mobil-, Konversations- und immersive Anwendungen ab. Die Plattform lässt sich über APIs und vorgefertigte Konnektoren tief in bestehende Systeme und Dienste von Drittanbietern integrieren und ermöglicht so die Zusammenführung mit komplexen Legacy-Strukturen. Darüber hinaus bietet Mendix integrierte Sicherheits-, Governance- und DevOps-Lebenszyklus-Tools sowie eine automatisierte Qualitätsüberwachung.

Wie hilft Mendix dabei, bestehende – möglicherweise veraltete – Strukturen mit modernen digitalen Prozessen zu verbinden?

Unternehmen können mit Mendix Legacy-Systeme erweitern, ergänzen oder schrittweise ersetzen, ohne den laufenden Betrieb zu stören. Mendix bietet vorgefertigte Konnektoren, bidirektionale APIs und Drag-and-Drop-Datenintegrationen, um Legacy-Systeme mit modernen Anwendungen zu verbinden. Es lassen sich neue Funktionen erstellen, Prozesse automatisieren sowie Web- und Mobile-Apps entwickeln, die nahtlos in bestehende Systeme integriert werden können, ohne deren Kernarchitektur zu verändern. Darüber hinaus unterstützt Mendix Cloud-Bereitstellung, skalierbare Performance und Sicherheitsfunktionen wie Verschlüsselung und Single Sign-On, um Daten während der Integration zu schützen. Die visuelle Entwicklungsumgebung und die Collaboration-Tools der Plattform beschleunigen die Bereitstellung und ermöglichen die kontinuierliche Verbesserung von Anwendungen. So können Unternehmen ihre digitale Transformation mit minimalem Risiko und optimierter Interoperabilität zwischen Legacy- und moderner Technologie erreichen.

Welche Vorteile bietet die Mendix-Entwicklungsumgebung im industriellen Umfeld und welche Rolle spielt dabei die generative KI?

Mendix ermöglicht Unternehmen mit den Messtechnik- und Sensorik-Bereichen eine schnelle Entwicklung von IoT-Anwendungen, die Daten aus einer Vielzahl von Sensoren nutzen. Dank der visuellen Entwicklungstools und der Integration mit industriellen IoT-Plattformen (IIoT), insbesondere Siemens MindSphere, können IT-Spezialisten und Fachexperten gemeinsam sensorgesteuerte Anwendungen erstellen. Die Plattform umfasst vorgefertigte Konnektoren und unterstützt gängige IoT-Protokolle wie OPC UA, MQTT und Modbus. Dies ermöglicht eine einfache Konnektivität mit Maschinen, Geräten in der Fertigung und Anlagen, sodass Echtzeitdaten von diesen Sensoren sofort in benutzerdefinierten Dashboards, Warnmeldungen und Analysen verwendet werden können.

Darüber hinaus stehen sofort einsatzbereite UI-Komponenten (User Interface Elements) zur Verfügung, mit denen Unternehmen Dashboards für KPIs (Key Performance Indicators), Maschinenstatus und Prozesstrends erstellen können, die alle mit Live-Sensorströmen gespeist werden. Diese Anwendungen geben Entscheidungsträgern sofortige Einblicke in den Betrieb und ermöglichen datengestützte Maßnahmen. Mendix-Anwendungen können auch maschinelles Lernen für vorausschauende Wartung, Anomalie-Erkennung und Mustererkennung integrieren und ermöglichen so intelligentere und proaktivere Reaktionen auf Anomalien oder Trends in Sensordaten.

In Mendix erstellte Apps können in der Cloud, On-Edge oder in hybriden Umgebungen bereitgestellt werden, wodurch eine optimale Latenz und Konnektivität für sensorreiche Umgebungen wie Fabriken, Logistikplattformen und Kfz-Servicezentren gewährleistet ist.

Vernetzte Ökosysteme werden ebenfalls unterstützt durch die Integration mit Unternehmenssystemen wie ERP, MES, PLM und SCADA. So wird sichergestellt, dass die von Sensoren gewonnenen Daten ohne manuelles Eingreifen in Geschäftsprozesse einfließen und zu einem einheitlichen Datenökosystem beitragen.

Anwenderbeispiele gibt es von iss und Mitsubishi Electric.

Können mit Hilfe von Mendix personalisierte IIoT-Anwendungen entwickelt werden?

Absolut. Mit Insights Hub aus dem Siemens-Portfolio ermöglichen wir unseren Kunden, IIoT-Anwendungen an ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen. Insights Hub bietet Standardlösungen, die mit Mendix weiter modifiziert und erweitert werden können. Für alle anderen IIoT-Plattformen ermöglicht Mendix mit dem MQTT-Konnektor, der im Marketplace verfügbar ist, die Erstellung personalisierter Apps.

Wie hilft Mendix dabei, einen vollständigen digitalen Zwilling zu erstellen?

Unsere Plattform integriert mehrere Datenquellen, Anwendungen und Dienste, um personalisierte, geschäftsspezifische digitale Zwillingslösungen zu entwickeln. Sie verbindet Daten aus verschiedenen Lebenszyklusphasen, wie mechanische und elektronische CAD-Daten, Software-Repositorys, Simulationsmodelle und Echtzeit-Maschinendaten, und ermöglicht so einen durchgängigen digitalen Datenfluss, der den digitalen Zwilling unterstützt. Mendix bietet eine nahtlose Integration mit Plattformen wie Siemens MindSphere und AWS IoT TwinMaker und ermöglicht so die Erstellung umfassender digitaler Zwillinge mit virtuellen Darstellungen physischer Umgebungen in Kombination mit Daten aus der realen Welt. Die Drag-and-Drop-Oberfläche und die Low-Code-Funktionen demokratisieren die App-Entwicklung für industrielle KI und ermöglichen es Fachexperten und Entwicklern, gemeinsam effizient umsetzbare Dashboards und Anwendungen zu erstellen. Die Verbindung von Mendix zu IoT- und Simulationsökosystemen hilft Unternehmen, ihre Abläufe zu optimieren, die Leistung ihrer Anlagen zu verbessern und ganzheitliche Ansichten ihrer Systeme zu erstellen – bei geringerem Entwicklungsaufwand und verbessertem ROI (Return on Investment).

Inwiefern kann Mendix den Einsatz von Softwarelösungen, die Fertigungsaktivitäten in weltweit verteilten Produktionsstätten überwachen und synchronisieren, erleichtern?

Mendix erleichtert die Nutzung von derartigen Softwarelösungen, indem es eine einheitliche Low-Code-Plattform bereitstellt, die operative, industrielle und Business-Systeme in einem einzigen digitalen Ökosystem verbindet. So können Fabriken weltweit, MES, ERP, PLM und Qualitätsmanagementsysteme integrieren, ohne die bestehende Infrastruktur zu ersetzen. Durch vorgefertigte Konnektoren, APIs und visuelle Integrationswerkzeuge synchronisiert Mendix Datenströme aus mehreren Systemen und Standorten in Echtzeit und gewährleistet so Konsistenz und Interoperabilität im gesamten globalen Fertigungsnetzwerk eines Unternehmens.

Durch die Kombination der Low-Code-Entwicklungsfunktionen von Mendix mit Siemens MindSphere und Insights Hub können Hersteller industrielle IoT-Anwendungen erstellen, die Leistungsindikatoren, Maschinenstatus, Energieverbrauch und Wartungsdaten über alle Anlagen hinweg überwachen. Diese Anwendungen nutzen sichere Verbindungen, wie OPC UA, MQTT, Modbus, um Maschinen- und Sensordaten zu erfassen, in dynamischen Dashboards anzuzeigen und Predictive Maintenance, Anomalie-Erkennung und Ferndiagnose zu ermöglichen.

Welche Implementierungsmöglichkeiten der Low-Code-Plattform Mendix stehen Unternehmen zur Verfügung?

Wir bieten verschiedene Optionen an, um Unternehmen die Freiheit zu geben, eine Implementierungsstrategie zu wählen, die auf ihre Geschäftsziele, Sicherheitsanforderungen und technischen Fähigkeiten abgestimmt ist. Mendix Cloud ist hierbei die bequemste und zugleich beliebteste Bereitstellungsoption. Sie basiert auf Amazon Web Services (AWS) und wird als vollständig verwaltete Platform-as-a-Service (PaaS) angeboten. Diese Variante bietet hohe Skalierbarkeit, Sicherheit und Verfügbarkeit, während der administrative Aufwand für den Betrieb minimal bleibt.

Unsere Kunden können zwischen verschiedenen Cloud-Optionen wählen:

  • Mendix Public Cloud (Multi-Tenant): Eine kostengünstige Variante, bei der sich mehrere Kunden eine gemeinsame Infrastruktur teilen.
  • Mendix Cloud Dedicated (Single-Tenant): Eine isolierte Umgebung für Kunden, die höhere Sicherheits- oder Performance-Anforderungen haben.
  • Mendix Cloud for Government: Eine spezielle Version, die strenge Compliance-Standards für Öffentliche Organisationen oder Unternehmen aus stark regulierten Branchen bietet.

Diese Cloud-Bereitstellungen bieten zudem eine nahtlose Integration mit der Mendix-Entwicklungsumgebung, automatisiertes Lebenszyklusmanagement, Monitoring, Back-ups sowie Unterstützung für Continuous Integration und Continuous Delivery (CI/CD).

Für Unternehmen, die volle Kontrolle über ihre Infrastruktur wünschen oder regulatorische Anforderungen erfüllen müssen, bietet Mendix auch die Möglichkeit der lokalen Bereitstellung (On-Premises) im eigenen Rechenzentrum oder der privaten Cloud. Diese Option eignet sich für Organisationen mit strengen Anforderungen an Sicherheit, Compliance oder Latenz. Sie unterstützt die Bereitstellung auf Unix-ähnlichen und Windows-Servern mit mehreren verfügbaren Architekturen – von minimalen Set-ups bis hin zu komplexen Multi-Server-Konfigurationen. Allerdings erfordert diese Variante eine eigene IT-Infrastruktur sowie laufende Verwaltung und Wartung durch das Unternehmen.

Neben reinen Cloud- oder On-Premises-Lösungen bietet Mendix auch hybride und Multi-Cloud-Szenarien, die beide Ansätze miteinander kombinieren. Dadurch können Unternehmen etwa geschäftskritische Anwendungen lokal betreiben, während weniger sensible Workloads in der Cloud laufen. Die Mendix-Laufzeitumgebung ist containeroptimiert und kompatibel mit Kubernetes und Docker, wodurch Anwendungen flexibel in privaten, öffentlichen oder virtuellen privaten Clouds bereitgestellt werden können. Diese Containerisierung gewährleistet eine hohe Portabilität und konsistente Betriebsabläufe über verschiedene Plattformen hinweg – ideal für Unternehmen mit komplexen IT-Landschaften oder Integrationsanforderungen.

Unternehmen sehen sich aktuell nicht nur technologisch mit einer beispiellosen Komplexität konfrontiert. Märkte und Ökosysteme sind höchst dynamisch und viele Branchen erwarten durch KI eine erhebliche Disruption. Agilität, Effizienz, digitale Wertschöpfung und Innovationsfähigkeit werden damit noch entscheidender. Low-Code-Technologie ist hierbei nicht nur ein Produktivitätskatalysator, sondern ein Enabler für Innovation.

Der gebürtige Niederländer Raymond Kok ist seit Februar 2024 CEO von Mendix, ein Siemens-Unternehmen. Er besitzt einen Master of Science und Bachelor of Science in Maschinenbau von der Technischen Universität Eindhoven. Seine Laufbahn bei Siemens Digital Industries Software begann er im Jahr 2003. Dort war er in verschiedenen technischen Führungsrollen, unter anderem in den Bereichen Cloud Application Solutions und Industrial Operations X tätig. Als früher Anwender der Low-Code-Plattform von Mendix war Kok maßgeblich an den strategischen Gesprächen beteiligt, die 2018 zur Übernahme von Mendix durch Siemens Digital Industries Software führten. Er verfolgt das Ziel, die Position von Mendix als marktführende Low-Code-Plattform für die Umsetzung komplexer Unternehmenssoftware weiter zu stärken.

Der gebürtige Niederländer Raymond Kok ist seit Februar 2024 CEO von Mendix, ein Siemens-Unternehmen. Er besitzt einen Master of Science und Bachelor of Science in Maschinenbau von der Technischen Universität Eindhoven. Seine Laufbahn bei Siemens Digital Industries Software begann er im Jahr 2003. Dort war er in verschiedenen technischen Führungsrollen, unter anderem in den Bereichen Cloud Application Solutions und Industrial Operations X tätig. Als früher Anwender der Low-Code-Plattform von Mendix war Kok maßgeblich an den strategischen Gesprächen beteiligt, die 2018 zur Übernahme von Mendix durch Siemens Digital Industries Software führten. Er verfolgt das Ziel, die Position von Mendix als marktführende Low-Code-Plattform für die Umsetzung komplexer Unternehmenssoftware weiter zu stärken.

Was ist die Zukunft von Low-Code im Zusammenhang mit steigender Anwendungskomplexität und immer höheren Anforderungen an die Effektivität der Anwendungen und an die Effizienz der menschlichen Arbeit?

Low-Code wird in Zukunft das strategische Fundament für Unternehmen bilden. Sie befinden sich aktuell an einem Wendepunkt und sehen sich nicht nur technologisch mit einer beispiellosen Komplexität konfrontiert. Märkte und Ökosysteme sind höchst dynamisch und viele Branchen erwarten durch KI eine erhebliche Disruption. Agilität, Effizienz, digitale Wertschöpfung und Innovationsfähigkeit werden damit noch entscheidender. Low-Code-Technologie ist hierbei nicht nur ein Produktivitätskatalysator, sondern ein Enabler für Innovation. Sie setzt Kapazitäten bei raren Fachkräften frei, die sich statt auf repetitive Aufgaben auf echte Problemlösung und künftige Herausforderungen fokussieren können. Gleichzeitig macht Low-Code Künstliche Intelligenz einfacher zugänglich und anwendbar, so dass sie dort eingesetzt wird, wo sie einen echten Mehrwert schafft. KI-Use Cases lassen sich schnell umsetzen, auch von Nicht-IT-Experten, und komplexe Systeme bleiben verständlich, kontrollierbar und erweiterbar. Der rasche Fortschritt bei generativer KI wird diesen Effekt weiter verstärken.

Zentral bleibt der Mensch, der bei Low-Code schon immer im Mittelpunkt steht. Gerade in einer Zeit, in der Produktivität und Effizienz treibende Themen sind, vergessen Unternehmen oft, dass es nicht nur um die richtigen Tools, sondern auch um eine Befähigung der Mitarbeitenden geht. Low-Code schafft dies im Rahmen einer gemeinsame Plattform für IT- und OT-Spezialisten, Daten-Experten und Fachanwender und wird damit integraler Bestandteil einer neuen Kultur der Zusammenarbeit.

Low-Code wird wesentlich dazu beitragen, die Komplexität von morgen für Unternehmen beherrschbar zu machen.

Antworten von: Raymond Kok, CEO von Mendix, ein Siemens-Unternehmen

Nachgefragt hat Natalie Intorf, Softwareentwicklerin, Redakteurin.

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