Kohleausstieg

"Verhinderung des Strukturwandels"

"Verhinderung des Strukturwandels"

"Verhinderung des Strukturwandels"

In einer neuen Studie haben sich Forschende des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mit Szenarien für den deutschen Kohleausstieg beschäftigt. Im Interview mit Handelskontor-News.de erläutert Studienleiter Oliver Holtemöller, warum ein schnellerer Kohleausstieg zu einer schnelleren wirtschaftlichen Erholung führen würde – und weshalb er den Entschädigungszahlungen für Kohleunternehmen skeptisch gegenübersteht.

Herr Holtemöller, um die globale Erwärmung des Klimas zu begrenzen, soll die Nutzung fossiler Energieträger stark reduziert oder sogar beendet werden. Entgeht uns mit der Braunkohle dabei ein verlässlicher und günstiger Energieträger?

Sie machen einen Denkfehler, wenn Sie sagen, dass die Braunkohle günstig ist. Die Braunkohleunternehmen können nur deshalb günstig aus Braunkohle Strom machen, weil die Folgekosten nicht bei diesen Unternehmen anfallen. Wenn hier die Luft dreckig ist oder wenn Biodiversität verschwindet, dann geht das nicht in die Kostenrechnung des Unternehmens ein, das die Braunkohle fördert und verarbeitet, sondern das zahlt die Gesellschaft. Wenn man diese Kosten langfristig betrachtet und internalisiert, dann ist es gesamtwirtschaftlich vorteilhaft, die Braunkohleverarbeitung zu reduzieren.

Ein schnellerer Kohleausstieg könnte laut Ihrer Studie zu einer schnelleren wirtschaftlichen Erholung führen. Wie das?

Wenn wir in 20 Jahren aus der Kohle aussteigen, dann brauchen ja die Unternehmen immer noch Nachwuchs. Ältere Menschen steigen aus dem Erwerbsleben aus und müssen durch jüngere ersetzt werden. Da treffen dann jüngere Menschen heute die Entscheidung, eine Ausbildung in der Braunkohlewirtschaft zu machen und Ressourcen in einen Bereich zu stecken, der in absehbarer Zeit nicht mehr da sein wird. Das verzögert die Anpassung.

Es ist aus rein ökonomischer Perspektive besser, wenn die jungen Leute in der Region keine Ausbildung in der Braunkohlewirtschaft machen, sondern in einem Beruf, der in Zukunft stärker nachgefragt sein wird, sagen wir in der Pflege. Ein schnellerer Ausstieg würde auch zu einem schnelleren Aufbau alternativer Energien führen, sodass dort mehr Arbeitsplätze entstehen.

Wenn man ihrer Studie folgt und zu dem Schluss kommt, dass ein Ausstieg 2035 weder den Wohlstand beeinträchtigen noch zu einer höheren Arbeitslosenquote führen würde, was hält dann die Regierenden zurück, entsprechend zu handeln?

Gesamtwirtschaftlich gilt das, was Sie sagen. In den Regionen selbst haben wir aber Kosten. Wenn wir aus der Braunkohle aussteigen, hat die Generation meiner Kinder eine bessere Umwelt. Aber die Kosten dafür entstehen, in Form von entgangenen Einkünften, beim Baggerfahrer im Braunkohletagebau und bei den Anteilseignern der Firmen, die dort Gewinne machen. Kosten und Nutzen fallen also auseinander.

Erschwerend kommt hinzu: Der Nutzen liegt weit in der Zukunft. Und wir Ökonomen sind besonders kritisch, wenn wir über Politik reden. Wir arbeiten mit dem Modell der Wiederwahlchancen-Maximierung. Und die Wiederwahl ist in spätestens vier Jahren. In vier Jahren sehen Sie die Kosten des Braunkohleausstiegs, aber Sie sehen noch nichts von den Vorteilen.

Sie hatten bereits die Anteilseigner der Kohleunternehmen angesprochen. Denken Sie, dass diese Unternehmen überlebensfähig sind?

Man kann in einer Marktwirtschaft davon ausgehen, dass es die Aufgabe von Unternehmen ist, sich an sich ändernde Rahmenbedingungen anzupassen. Wenn die Unternehmen nicht in der Lage sind, ihr Geschäftsmodell umzustellen und Geschäftsbereiche zu erschließen, die profitabel sind, dann sollten sie vom Markt verschwinden. Dann sollten sie nicht von der Politik künstlich am Leben erhalten werden. Das wäre die Verhinderung des Strukturwandels.

Interview